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Sieben Bedenken gegen Inklusion und sieben Antworten

Warum die Vorbehalte zum Thema gemeinsames Lernen von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderung nicht greifen

Nach der UN-Behindertenrechtskonvention sollte Inklusion an Schulen längst Realität sein. Doch nach wie vor gibt es Vorbehalte. Marian Indlekofer, Referent für die Belange von Menschen mit Behinderung beim VdK Bayern, setzt sich mit Ihnen auseinander.



1. Viele Lehrer haben Ängste vor der Herausforderung, Kinder mit Behinderung unterrichten zu müssen, weil sie dafür keine Ausbildung haben.

Leider geht die allgemeine Lehramtsausbildung kaum auf die Thematik Behinderung ein. Eine Reform wäre dringend notwendig, um Bewusstsein zu schaffen und gute Methoden zu entwickeln. Das bedeutet jedoch nicht, dass man mit Inklusion warten muss. Schon jetzt kann man durch Weiterbildungen das Thema an die Fachkräfte bringen.

2. Inklusion im Schulsystem ist ein Konzept, das man umsetzen kann oder nicht.
Das ist der größte Irrtum in der Debatte. Es geht nicht mehr darum, ob wir Inklusion wollen. Dazu haben wir uns durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention völkerrechtlich verpflichtet. Es geht darum, wie wir Inklusion umsetzen. Seit dem 26. März 2009 ist der Artikel 24 für alle Bundesländer rechtsverbindlich und dieser besagt, dass es ein gemeinsames Schulsystem für alle Kinder von Anfang an geben muss.

3. Durch zu wenig Geld und Personal im Bildungssystem gerät die inclusive Schulentwicklung ins Wanken.
Eine inklusive Schule kann nicht mit weniger Lehrkräften als bisher auskommen, wenn Kinder mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam lernen sollen. Je mehr finanzielle Mittel aus dem System genommen werden, desto unwahrscheinlicher wird ein erfolgreicher Prozess hin zur Inklusion. Inklusive Schulen funktionieren mit multifunktionellen Teams von Lehrkräften, Sonderpädagogen, Schulpsychologen, Sozialarbeitern, Erzieher und weiteren Fachkräften. Wenn in kleineren Klassen zwei Pädagogen unterrichten und für alle Kinder gemeinsam da sind, ist das ein guter Ausgangspunkt in einer inklusiven Schulentwicklung.

4. Viele Eltern befürchten, dass ihre nichtbehinderten Kinder in einem inklusiven Schulsystem von den Kindern mit Handicap ausgebremst werden oder zu kurz kommen.
Diese Bedenken zielen darauf, dass Kinder permanent beste Zensuren bringen müssen. Die aktuelle Bildungsforschung widerlegt diese These: Kinder ohne Behinderung lernen in inklusiven Schulen nicht weniger, stattdessen steigt ihre Sozialkompetenz signifikant. Kinder mit Behinderung lernen in gemischten Klassen nachweislich besser, sie schauen sich vieles ab. Schüler ohne Beeinträchtigung erfahren, dass es nicht immer nur um maximale Leistung und Noten geht. Diese Erkenntnisse und Teamfähigkeit sind in der Berufswelt unabdingbar. Außerdem ist die Unterscheidung von Kindern mit und ohne Behinderung nur für Außenstehende relevant. Kinder verstehen schon früh, dass diese Kategorisierung irrelevant.

5. Inklusion ja, aber bitte nicht zu viel ändern, und es darf nichts kosten.
Der ehemalige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, hat gesagt: „Wer Inklusion will, sucht Wege, wer sie verhindern will, sucht Begründungen“. Inklusion kostet Geld. Diese Investition muss es uns als Gesellschaft wert sein. Wir investieren in die Bildung und Zukunft unserer Kinder. Die Mittel sind vorhanden, es kommt auf die Verteilung an. Die Rahmenbedingungen im Bildungssystem müssen so ausgebaut werden, dass Barrierefreiheit und Teilhabe gewährleistet sind.

6. Die Schulen haben schon genug zu tun, die Inklusion würde diese noch zusätzlich belasten.
Genau das Gegenteil ist der Fall. Bei einer guten Schulentwicklung ist Inklusion als Qualitätsstandard zu verstehen. Außerdem geht es bei Inklusion nicht nur um Menschen mit Behinderung. Es geht um alle, das bedeutet Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, Kinder aus prekären Verhältnissen (Armut), mit Lernschwierigkeiten, sprachliche Barrieren usw. Die Gesellschaft unterliegt einem fortwährenden Wandel und darauf muss sich auch die Schule einstellen. Inklusion ist der logische nächste Schritt in der Entwicklung.

7. Es geht alles viel zu schnell mit der Inklusion, wir brauchen mehr Erfahrungswerte.
Bereits 1973 stellte der deutsche Bildungsrat fest, dass die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung zu empfehlen ist, um Ausgrenzungserfahrungen entgegenzutreten. Der Rechtsanspruch „zwingt“ nun viele Einrichtungen, sich auf den Weg zu machen. Sie müssen nichts Neues erfinden. Viele unserer Nachbarländer haben schon vor Jahrzehnten angefangen. Ein Blick über den Tellerrand schadet nicht. Als Wissensstandort Deutschland darf man den Anschluss an internationale Standards nicht verlieren.
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